Reisern

In dem Umfange der Stadt
das sich durchkreuzende Gewimmel
der zusammengedrängte Haufen Häuser
das lärmende Gewühl
wobei es darauf ankam
die Blicke der Menschen, die er scheute
Reisern glaubte, es sollte etwa einmal eine Lücke entstehen
wo er, ohne jemanden vor sich hinwegzudrängen
sich in die Reihe mit einfügen könnte
aber es entstand keine solche Lücke
und er zog sich von selbst zurück
indem er einsam da stand

Da er nun niemand auf der Welt und auch sich selbst nicht einmal zum Freunde hatte

Sich die Jahre seines Lebens hindurch
in der Welt von allen Seiten hatte müssen drücken, stoßen, und wegdrängen lassen
und auf der Straße umher
das Gefühl, dass er sich selbst nicht entfliehen konnte
als ob ein Berg auf ihm lag

Daß er einen Tag wie alle Tage mit sich aufstehen, mit sich schlafen gehen mußte
und kein anderer sein konnte

Verzweiflung Reisern an das Ufer des Flusses führte
wo dasselbe mit keinem Geländer versehen war
hier stand er zwischen dem schrecklichsten Lebensüberdruß und der instinktmäßigen unerklärlichen Begierde fortzuatmen, kämpfend
eine halbe Stunde lang
bis er
bis ihm zufälliger Weise einfiel
dass er den Abend frische Wurst
und dass die Stube sehr warm geheizt sein würde

Reisern vergaß sich ganz als Mensch/ und kehrte als Tier wieder heim
als Tier wünschte er fortzuleben
als Tier wünschte er fortzuleben

Und nun dachte er sich hier auf dem freien Feld die Stille
dass ihn niemand bemerkte
niemand ihm eine hämische Miene machte
und er fühlte ungewöhnliche Kraft in seiner Seele
nicht wissend, was nun endlich aus dem allen kommen sollte
was nun endlich aus dem allen kommen sollte

Da er nun niemand auf der Welt und auch sich selbst nicht einmal zum Freunde hatte
nicht wissend, was nun endlich aus dem allen kommen sollte
Daß er einen Tag wie alle Tage mit sich aufstehen, mit sich schlafen gehen mußte
und kein anderer sein konnte
nicht wissend, was nun endlich aus dem allen kommen sollte
Reisern vergaß sich ganz als Mensch
und kehrte als Tier wieder heim
als Tier wünschte er fortzuleben
nicht wissend, was nun endlich aus dem allen kommen sollte

(Der Text basiert auf Zitaten aus Karl Philip Moritz "Anton Reiser", erschienen 1785 - 1790)

Another Uhu/Udo Hürtgen
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